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Das Kaugummi

©  Iris Grädler


Erst als der Junge im Wagen vor ihr sich ein zweites Mal umdrehte, erwiderte sie sein Winken. Sie hob sogar die Hände an die Schläfen und wackelte mit den Fingern, als hätte sie Hasenohren, was ihn zum Lachen brachte.
Er hatte sich jetzt hingekniet. Sie sah seine runden Ärmchen auf der Lehne des Rücksitzes und wie er sein glühendes Gesicht an die Heckscheibe presste. Er streckte die Zunge durch seine große Zahnlücke und zog Grimassen.
Wie er schwitzen muss, dachte sie, ließ die Hände in den Schoß sinken und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
Hinter ihr stand ein Laster, der die Sicht auf das Stauende versperrte. Auf der mittleren und linken Spur reihte sich Wagen an Wagen. Die meisten Fenster waren herunter gekurbelt, einige hatten die Türen weit aufgerissen oder waren sogar ausgestiegen und liefen mit mürrischen Mienen auf dem Seitenstreifen hin und her wie Käfigtiere. Seit einer halben Stunde ging es nur zentimeterweise voran, denn zu dem Ferienverkehr kamen die Berufspendler hinzu, die ersten Unfälle hatten sich ereignet und 50 Kilometer Stau lagen noch vor ihr.
Sie trank einen Schluck aus der schon fast leeren Wasserflasche, streckte den Kopf durch das offene Fenster in das metallische Himmelsblau und versuchte die Sommerluft aus dem Abgasgestank zu filtern. Doch es gelang ihr nicht.
Sie blickte wieder zu dem Jungen im Wagen vor ihr, der nun eine rote Baseballmütze verkehrt herum auf seinen blonden Haarschopf gesetzt hatte. Sah sich sein kleines Gesicht mit einem kühlen, feuchten Waschlappen abwischen.
Noch ganz versunken war sie in diese Vorstellung, da wedelte er mit einer Hand, die zur Faust geballt war, und etwas rotes Rundes festhielt, ein Rot wie seine Mütze. Er steckte es in den kleinen Mund, kaute mit aufgeblähten Backen, beugte sich noch ein Stück näher zur Scheibe, spitzte die Lippen, als spucke er sie an, und eine Blase erschien, wie eine offene Wunde um seinen Mund.
Und vor ihrem inneren Auge platzte etwas auf.
Seit Tagen waren sie unter einem flirrenden Wüstenhimmel in einem Grenzgebiet unterwegs gewesen und durch eine Welt gefahren, die keinen Vergleich duldete, für die kein Wort groß genug war, für die es letztendlich keine Worte gab, jedenfalls nicht in ihrer Sprache.
An einem frühen Nachmittag waren sie einen Hügel hochgefahren und am Abhang über einem weiten Tal stehen geblieben, als die drei Kinder aus dem Nichts aufgetaucht waren.
Sie mussten den Landrover schon von weitem gesehen haben.
Der älteste ging mit einem Stecken in der Hand und ausgreifenden Schritten zielstrebig auf seinen dünnen, nackten Beinen voran, gefolgt von den beiden Kleineren.
Kaum waren sie in Rufweite, verlangsamten sie ihre Schritte, warfen aus dunklen Gesichtern schüchterne Blicke und stellten sich in den Schatten, den der Landrover auf der Fahrerseite warf.
"Sie sind noch nicht verdorben", sagte Leonardt. "Sie haben wohl noch nicht viele Weiße gesehen."
"Was machen sie hier so allein", fragte sie.
"Vieh hüten."
Sie ließ den Blick über die steinigen Hügel zu ihrer Linken streifen, doch weit und breit war kein Mensch zu sehen, kein Kral, nicht einmal eine Rinderherde.
"Willst du sie nicht fotografieren?", fragte Leonardt.
"Ich möchte ihnen gern etwas geben", flüsterte sie.
Ihre Zunge war trocken, ihr Herz schlug irgendwo an einer tiefen, versunkenen Stelle ihres heißen, staubigen Körpers und sie konnte den Blick nicht von den Kindern wenden, die bewegungslos und schweigend im Schatten standen und warteten.
Leonardt griff in eine der Kisten auf dem Rücksitz und reichte ihr eine Dose.
"Ich gebe ihnen immer Bonbons ohne Papier", sagte er und öffnete den Deckel der Dose.
Dicke bunte Kugeln lagen darin. Sie waren hart, geruchlos und ihr so fremd wie dieses Land, so unbekannt wie dieser stille Kontinent.
Leonardts Blick folgte ihr, als sie mit der Dose und dem Fotoapparat in den Händen ausstieg und langsam, als schleiche sie sich an ein Rudel wilder Impala heran, auf die Kinder zuging.
Sie waren barfuß, in braune, lappenartige Gewänder gehüllt und schmutzig.
Sie stellte die Dose ab, auf die drei schwarze Augenpaare nun starrten, misstrauisch oder ehrfürchtig, als sei es ein magisches Ding.
Was nur mag in ihren kleinen Köpfen vorgehen, fragte sie sich?
Sie hockte sich hin, die beiden Kleineren auf Augenhöhe, versuchte mit leisen Worten und einem Lächeln ihre Gesichtern sanft zu streicheln, während sie in Gedanken dem Kleinsten die Nase putzte, die Schmutzstriemen von den Wangen wusch, das krause Haar mit Shampoo einweichte, seine Füßchen in Ledersandalen steckte und, bevor sie ihm einen Gutenachtkuss gab, einen Teddy auf den kleinen Bauch legte.
Sie spürte Leonardts Blicke im Rücken, und es war, als beobachte sie dieser weite Himmel und die braune Berglandschaft selbst, als sie dem großen Jungen den Fotoapparat zeigte, ihn durch den Sucher blicken ließ, danach auch die beiden anderen, was sie ohne eine Regung, doch mit Geduld über sich ergehen ließen.
Haben sie etwas gesehen, dachte sie. Vielleicht nur der Große, über dessen Gesicht ein Anflug von Neugier strich, der ihre Erklärung verstanden hatte, das andere Auge zuzukneifen. Angestrengt starrte er durch den Sucher, die dunklen Lippen geöffnet. Sehr weiße Schneidezähne leuchteten auf, die nach der Sitte seines Volkes schon abgebrochen und geschliffen waren.
Sie drehte sich zu Leonardt um, in dessen Gesicht sie so wenig lesen konnte wie in den Gesichtern der Kinder, knipste in schneller Folge zwei Fotos, griff nach der Dose und hielt sie wie eine Lostrommel hin.
Sofort griffen die kleinen Hände hinein. Gierig und wortlos. Erst der Älteste, dann der mittlere Junge und schließlich der Kleine. Auf seinem pausbäckigen Babygesicht breitete sich ein Ausdruck von Erstaunen aus, als er auf seine kleine, braune Faust blickte, in der die bunten Kugeln lagen, und wie Murmeln oder die Köpfe von Dahlien hatte er sie bestimmt noch nie zuvor in seinem Leben gesehen.
Was habe ich getan, dachte sie, und stieg zurück in den Landrover.
Sie fuhren weiter, während die Kinder immer noch da standen, der kleine schwarze Hirtenjunge ohne sich zu rühren die Kugeln in seiner ausgestreckten Hand betrachtete. Mit offenem, stummen Mund.
"Was habe ich getan?", fragte sie Leonardt jeden Tag danach, erst laut, dann in Gedanken, seine Worte im Kopf: "Wenn du sie selbst hinein greifen lässt, nehmen sie alles, wie sie fassen können."
"Wie kann er die vielen Kugeln in seiner kleinen Hand tragen?"
Die Frage blieb für immer unbeantwortet, wie alle anderen Fragen, die sich aus dieser ersten ergaben. Wie alle Bilder, die sie sich ausmalte.
Sie sah den kleinen Jungen mit den Kugeln in der ausgestreckten Hand dort stehen, bis seine Gestalt in der Ferne mit der dunklen Erde verschmolzen war und er aus dem Blickfeld verschwand, so wie sein Gesicht auf dem Foto in dem scharfen Schatten unterging. Und nur das Weiß seiner Augen war da, blickte sie aus zehntausend Kilometer Entfernung auf der Autobahn an, und es erschien ihr wie gestern.
Sie sah wie sich die Mutter des blonden Jungen zu ihrem Sohn umdrehte, ihn mit unmissverständlichen Handgriffen auf den Kindersitz zurück zwang. Nur noch ein Stück seiner roten Mütze ragte über den Rücksitz. Dann begann er mit seinen Eltern langsam fort zu rollen, der Blinker leuchtete auf und schon hatte sich der Wagen in eine andere Spur eingefädelt.
Hinter ihr hupte es.




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Eingereicht am 30. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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