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Aufbruch nach Afrika

©  Claudia Olivetti


Wieder und immer wieder stiegen in ihr diese Gedanken an die Sätze hoch: "Ich hatte eine Farm in Afrika" …. jenseits der …. - seltsam, wie sich Sätze doch gleichen konnten. Bei ihr, war es nicht Afrika - sondern ein Haus in Friesland.
"Ich hatte ein Haus" …. jenseits des großen Moors. All die Jahre, hatte sie zusammen mit ihrem Mann gekämpft. Doch, es war ein aussichtsloser Kampf, den am Ende die Mächtigeren unserer Zeit gewannen, gewinnen mussten. Alles was "Sie", die Mächtigeren brauchten, war Zeit, und die hatten "sie". Zeit, wie die Löwin vor dem Reißen einer Antilope - zum Sprung anzusetzen - und zuzupacken. Und sie hatten zugepackt mit all ihrer Brutalität.
Im Saal des Amtsgerichtes hatte sich ein großes Publikum versammelt, wahrscheinlich waren es auch viele "gierige Neue" wie sie diese Menschen neuerdings nannte. Neugierig, zu sehen, wie ein Mensch alles verliert, an dem er jahrelang versucht hatte festzuhalten. Sie musste an ein Spiel ihrer Kinder denken, in dem es immer hieß, wenn die Spielfigur verlor: "Du versagst".
Tränen stiegen in ihre Augen, doch, dies war das Letzte was sie jetzt gebrauchen konnten. Nein, nur das nicht. Nachdem sie einige Male geschluckt hatte, waren die Tränen ungesehen in ihre Seele getropft. In eine Seele die seit geraumer Zeit zu viel ertragen musste.
"Zum ersten, zum zweiten, und zum dritten" - das Haus war versteigert. "Bis Ende Juli muss das Haus geräumt sein", hörte sie den Auktionator murmeln, ehe sie den Saal verließ. Ende Juli, wiederholte sie für sich und dachte - "was bedeutet Zeit, wenn alle Zeit vergangen ist?" Traurig, trat sie den Weg nach Hause an, der diesmal sehr schwer sein würde, denn zuhause, da warteten ihre Kinder auf sie. "Und", … fragte ihr Großer erwartungsvoll, "…. ist es verkauft?" "Ja", antwortete sie fast den Tränen nahe - und nach einer Pause, die sie für sich brauchte; "und es bleibt sogar noch etwas übrig, um neu zu beginnen. Nach Abzug aller Schulden, bleibt noch etwas für einen Neubeginn." Sie sah, wie Tränen in die Augen ihrer Kinder stiegen - Tränen, die sie schon lange nicht mehr weinen konnte. "Nicht weinen, wir können bis Ende Juli noch hier wohnen - dann müssen wir hier ausgezogen sein, denn die neuen Besitzer wollen dann einziehen." Sie rang nach Worten, doch, wie sollte sie ihren Kindern das "eigene Versagen" erklären? Und da war es wieder: Nein, sie hatte nicht versagt. Sie hatte nur einen Kampf verloren, denn, es war nur ein vorübergehendes Knock-out, denn sie konnte wieder aufstehen, aufstehen um neu zu beginnen.
Am Abend erhielt sie einen Anruf ihres Exmannes, der sich nach dem Verlauf der Versteigerung erkundigte. In kurzen Sätzen war das Thema abgehandelt. Sie hatten sich einfach nichts mehr zu sagen, möglich, dass Menschen sich auseinander leben. Aber noch viel trauriger stimmte sie an diesem Abend die Erkenntnis, dass sich Menschen, die sich so unendlich geliebt haben, so fremd werden konnten. Sicher, die Trennung verlief nicht in einem endlosen "Rosenkrieg" wie sagt man so schön: Es war eine Trennung in Freundschaft. Alles andere hätte sie auch nicht akzeptieren wollen, können …. wie auch immer. Es war gut so, wie es jetzt war.
Und wieder stiegen in ihrer Erinnerung die Bilder von Afrika hoch. Tja, Afrika, ihre heimliche Liebe. Sie dachte zurück - zurück an ihren damaligen Freund Truth, der sich seinen Traum von Afrika erfüllt hatte. Er hatte eine Kaffeeplantage, auf der er Arabica Kaffee anbaute, und das mit sehr viel Erfolg. Sie jedoch war damals zu feige. Wollte in einem sozial abgesichertem Land einem Mann, Familie, Haus und allem was sonst noch einen "Spießer" (so wurde sie neuerdings vom ihrem Ältesten genannt) ausmacht, alt werden. Sie hatte alles verloren, und alles erhalten - ihre Freiheit. Warum jetzt nicht einen Aufbruch wagen? Warum nicht, alles hier zurücklassen und neu beginnen? In ihrem Beruf als Lehrerin mit guten Englischkenntnissen konnte sie bestimmt Fuß fassen.
In den darauf folgenden Tagen hatte das "afrikanische Fieber", so wie sie es nannte, immer mehr von ihr Besitz genommen. Sie fasste allen Mut zusammen und versuchte über die Auslandsauskunft die Telefonnummer von Truth herauszubekommen - und siehe da, sie bekam die Nummer. Doch, was nutzt eine Nummer, die nicht gewählt wird? "Nun ruf doch endlich an!", sprach ihre innere Stimme immer und immer wieder zu ihr. Bis sie eines Morgens allen Mut zusammenfegte und das Telefonat, das soviel Reifezeit brauchte, führte.
Am anderen Ende meldete sich Truth, sie erkannte gleich seine männliche tiefe Stimme. "Hallo, Truth, ich bin es Katharina." Stille, am anderen Ende der Leitung. "Truth", bis du noch da?"
"Ich fasse es nicht, Katharina, was verschafft mir denn die Ehre deines Anrufs? - Ich habe seit ewigen Zeiten nichts mehr von dir gehört, ist Deutschland zusammengebrochen?" "Nein, nein", entgegnete sie ihm. Und in einem langen ausführlichen Gespräch erzählte Katharina, was ihr widerfahren war.
"Gleich Morgen, werde ich für euch einen Flug nach Nairobi buchen. Katharina, ihr kommt doch oder, ihr kommt doch Katharina, sag ja." Truth war außer sich vor Freude, Katharina nach all den Jahren endlich wieder zu sehen. Sie überlegte. Organisatorisch wäre es in zwei Monaten machbar, hier alles aufzulösen, mit den Kindern über die bevorstehende Änderung zu reden, die Sache mit ihrem Exmann zu klären und aufzubrechen, aufzubrechen in ein neues Leben.
Der Tag des Aufbruchs rückte immer näher, und sie, und die Kinder waren aufgeregt wie zu Weihnachten. Das Flugzeug stand bereit und nichts, nichts konnte sie mehr aufhalten, diesen Schritt in ihr neues Leben zu wagen.
In Nairobi gelandet, wartete Truth am Flughafen, um sie und die Kinder abzuholen. Und ein seltsames Gefühl der Wärme stieg in Katharina auf. Sie spürte plötzlich, sie war nach Hause gekommen nach all den Jahren - nach Hause - in ihr Afrika.




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Eingereicht am 30. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
Erzähl mir was von Afrika. Band 1. Dr. Ronald Henss Verlag   ISBN 3-9809336-2-8  ca. 150 Seiten   8,90 Euro.




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