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Warten in Tanger

©  Britta Dubber


An einigen Tagen kann man Europa erkennen, so klar und deutlich, als ob man es direkt mit den Fingern berühren könnte, streckte man seinen Arm dahin aus.
Alice guckt oft aus dem Fenster. Dann gerät sie ins Träumen, stellt sich vor, sie wäre endlich da. Endlich am Ziel. Das vorläufige Ziel hieß Tarifa. Wenn sie es bis dahin schafft, hat sie die Hälfte schon erreicht. Danach will sie weiter nach Madrid, zu ihrer Schwester.
Francine hatte Nigeria vor fünf Jahren verlassen. Sie hatte ein Jahr in Tanger verbracht, bis sie nach Spanien aufgebrochen war. Mit einem kleinen Holzboot, in dem dreißig Personen untergebracht waren. Sie hatte Glück gehabt. Viele der Frauen und Männer an Bord waren ertrunken, als das Boot nur ein paar Hundert Meter vor der Küste Spaniens gekentert war. Francine hatte sich an Land retten können und war unentdeckt nach Madrid gekommen, wo sie Hilfe von einer Freundin bekommen hatte.
Alice weiß, dass es viele nicht schaffen, dass viele umkommen, ohne europäischen Boden unter den Füßen zu berühren. Und viele werden entweder von der marokkanischen Küstenpolizei abgefangen oder von den spanischen Behörden festgenommen.
Ersteres ist am Schlimmsten. Schwarzafrikaner, die sich illegal in Marokko aufhalten, werden in die Wüste geschickt, an die algerische Grenze, von wo aus sie zusehen können, wie sie klarkommen.
Alice hat Freunde in Tanger, mit deren Hilfe sie bis jetzt unentdeckt geblieben ist. Ohne die Gewissheit auf Hilfe und Unterstützung hätte sie Nigeria wahrscheinlich nicht verlassen.
Sie hat von einigen Malinesen und Ghanesen gehört, die verraten worden sind, und das machte ihr Angst. Doch ein Zurück gibt es für sie nicht. Ihre Eltern sind beide tot, zwei ihrer Brüder sitzen wegen Drogenhandel im Gefängnis und ihr ältester Bruder ist seit zwei Jahren verschwunden. Er wollte nach Italien flüchten. Vermutlich gehört er zu den vielen Opfern, die auf See ertranken. Alice verdrängt den Gedanken an ihn. Ihre eigene Flucht steht kurz bevor.
Sie will jetzt nicht an die denken, die es nicht geschafft haben. Sie will an ein Leben in Europa denken. An ein besseres Leben. Sie hat nur noch eine kranke Tante in Lagos, der sie von Spanien aus regelmäßig Geld schicken will. Ihre Tante zählt auf sie. Alice ist ihre Hoffnung, hatte sie beim tränenreichen Abschied gesagt. Nein, sie kann nicht zurück. Sie muss es schaffen!
Ihre Tante hat doch nur noch sie.
Francine hat Alice tausend Euro geschickt, womit sie die Überfahrt nach Tarifa bezahlen soll, aber Aren, ein guter Freund, hat ihr geraten die Route nach Fuerteventura zu nehmen, die zwar sechsmal länger ist, aber nicht so streng bewacht wird, wie die Straße von Gibraltar.
"Wie soll ich denn von da nach Madrid kommen?", hatte sie ihn gefragt.
Er hatte lediglich die Schultern gezuckt.
Nach langem Hin und Her hat sich Alice nun doch für den kürzeren Weg entschieden.
Auf Fuerteventura wäre sie ganz auf sich alleine gestellt.
Es klopft an ihre Zimmertür der kleinen Pension, in der sie seit drei Monaten lebt.
Bill, der Mann der die Überfahrt organisiert, betritt das kleine Zimmer, in dem außer einem Bett, einer Kommode und einer winzigen Kochnische nichts ist.
"Wir fahren bald", sagt er.
"Wann?", will Alice wissen. Seit Wochen sagt Bill, dass es "bald" losgeht. Allmählich wird sie unruhig.
"In ein paar Tagen", sagt er und fährt sich mit den Händen durch seine struppigen schwarzen Haare. Seine Augen sind rot, er hat getrunken.
"Das hast du auch schon vor zwei Wochen gesagt", wirft sie ihm vor und bereut es im nächsten Augenblick. Sie will es sich nicht mit ihm verscherzen. Bill ist kriminell, aber harmlos zu den anderen "Patrons", die Frauen schlagen und sie als Prostituierte verkaufen oder Mädchen entführen und von den Eltern Lösegeld fordern.
"In ein paar Tagen", sagt er und geht wieder hinaus.
Alice setzt sich auf ihr Bett und schaut hinaus, zu dem entfernten Stück Land, welches heute so deutlich zu sehen ist, dass sie sogar ein paar Häuser erkennen kann. Und dann versinkt sie wieder in ihre Tagträume, die ihr die Zeit und das Warten in Tanger erträglich machen.




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Eingereicht am 28. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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