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Das Geheimnis der Kopftragekunst in Afrika

©  Heidrun Gemähling


In meinen frühen Mädchenjahren war mir der aufklappbare dreiteilige Spiegel unserer Frisierkommode ein wichtiger alltäglicher Bestandteil, denn so konnte ich meine äußerlichen Ecken und Kanten von allen Seiten genauestens betrachten und notfalls korrigieren. Die Entwicklungsjahre eines Mädchens gestalten sich nicht immer sehr selbstbewusst, mit der Folge, dass sich der Oberkörper in eine leichte Beugung nach vorne neigt und den Rücken krumm werden lässt. Die werdende Fraulichkeit wird so nicht gleich für alle sichtbar. Eine aufrechte, stramme Rückenhaltung versinnbildlichte damals eine preußische Gesinnung. Als ich mich wieder einmal ausgiebig vor dem besagten Spiegel verrenkte und kritisch beäugte, kam mir plötzlich die Idee, es wie die Afrikaner mit einer Kopflast zu versuchen, um mich gerade und graziös bewegen zu lernen. Mein innigster Wunsch war nämlich, Tänzerin zu werden, auch wenn der Orthopäde bereits Spreiz- und Senkfuß diagnostiziert hatte, was mich aber von meinem Ziel nicht sonderlich abschreckte. Deswegen fragte ich am nächsten Tag meine Spielkameraden: "Was tragen die Leute bei uns normalerweise auf dem Kopf?" Die meisten antworteten: "Einen Hut!" Da ich schon einige Berichte und Bilder vom afrikanischen Leben bei unserem alten Nachbarn, der früher als reisender Missionar in Afrika gelebt hatte, gelesen und gesehen hatte, sagte ich sehr wissend: "Ja, hier bei uns, aber in Afrika tragen die Menschen Eimer mit Wasser, Brennholz, Körbe mit Gemüse und oft noch größere Sachen auf dem Kopf!"
Die Größeren aus der Runde besorgten sich ganz begeistert alle möglichen und unmöglichen Utensilien, um das einmal auszuprobieren. Gerade auf den Kopf gestellt, fielen die Sachen auch schon wieder runter. Das Gelächter und Gepolter war riesengroß. Dann versuchten wir es mit Büchern, und einer ging nebenher, um die fallenden Bücher aufzufangen. Langsam, verkrampft und behutsam setzten wir einen Schritt vor den anderen, um die Last im Gleichgewicht zu halten. Der liebenswürdige Missionar aus der Nachbarschaft beobachtete hinter seinem Gartenzaun unsere vom Misserfolg gekrönten Versuche. Er winkte die ganze Kinderbande zu sich in seine alte Laube, die von roten Rosen umsäumt war, die einen feinen Duft verströmten.
Mit fester Stimme verkündete er uns, dass er uns das Geheimnis der afrikanischen Kopftragekunst verraten wolle und fing folgendermaßen an zu erzählen: "Bereits die Kinder in dem wunderschönen Afrika müssen üben, üben und immer wieder üben. Da die Köpfe rund und oben nicht flach sind, nimmt man eine kata zu Hilfe. Das ist ein Tuch oder ein Palmenblatt, das gefaltet und zu einem Ring geformt wird. Es dient als Polster zwischen der Last und dem Kopf, denn Holz und andere harte Gegenstände können so besser balanciert und getragen werden. Für weiche Lasten wie einen Sack Mehl braucht man kein kata, da sich der Sack ja an die Kopfform anpasst. Wichtig dabei ist es, die Dinge genau in der Mitte auf dem Kopf zu tragen, niemals den Kopf schief halten, sonst bekommt man starke Nackenschmerzen. Bereits die kleinsten Kinder, sobald sie laufen können, fangen mit den Trageübungen an. Ich sah einmal zu, wie ein kleiner Junge einen Krug mit Wasser bekam, ihn sich auf den Kopf setzte und mit beiden Händen festhielt, um das Rutschen zu verhindern. Natürlich ging ein Teil des Wassers daneben, schwappte über und machte die ganze Kleidung nass. Die Anstrengung, den Kopf trotzdem gerade zu halten, bewirkt so eine gerade Haltung. Übung macht den Meister, und als der kleine Junge fünf Jahre alt war, verschüttete er kein Wasser mehr. Experten balancieren ihre Last fast automatisch.
Ihr könnt euch das so vorstellen, wenn ihr einen Stock auf dem Finger oder der Nase balancieren wollt, müsst ihr die Position des Fingers oder der Nase den Bewegungen des Stockes anpassen. Ein kräftigerer Stock lässt sich auch besser balancieren als ein leichter, das wisst ihr sicherlich aus eigener Erfahrung. So ist es auch mit leichter und schwerer Last auf dem Kopf.
Da die Menschen in Afrika nicht so die Transportmöglichkeiten haben wie wir hier bei uns, müssen sie lange beschwerliche Wege zu Fuß gehen und können ihre Geschicklichkeit so unter Beweis stellen. Es gehört zum Alltagsleben eines jeden Afrikaners. Als ich damals dort auf dem Kontinent missionierte und lange Strecken zurücklegen musste, hängte ich mir eine Tasche über die Schulter, eine andere nahm ich in die Hand und die schwerste stellte ich mir auf den Kopf. Natürlich musste ich das alles auch erst lernen. Lasten auf dem Kopf zu tragen ist sehr bequem, und man hat außerdem noch die Hände frei und hat gleichzeitig einen Sonnenschutz, den man in den heißen Sonnenländern benötigt. Ein besonderer Vorteil ist es, dass man einen graziösen Gang, Balancefähigkeit und starke Nacken- und Rückenmuskeln bekommt, die einem vor belastenden Rückenschmerzen bewahren.
So, jetzt kennt ihr die Tricks und das Geheimnis der afrikanischen Kopftragekunst."
Wenn es sich ergab, lauschten wir den vielen spannenden Geschichten des Missionars, der sein halbes Leben in afrikanischen Ländern verbracht hatte, um den Menschen dort die Verheißungen der Bibel, Gottes Wort, zu vermitteln. Mit großen Augen und Ohren lauschten wir den Geschichten von wilden Tieren, von weiten heißen Wüsten, von farbenprächtigen Sonnenuntergängen, von kalten Nächten und heißen Tagen, von den vielen Strapazen bei seinen Märschen zu den Menschen, von der besonderen Gastfreundschaft überall. Am meisten beeindruckten ihn die wunderbaren, gefühlvollen und melodischen afrikanischen Gesänge, die sein Herz so sehr berührten, dass ihm beim Erzählen die Tränen über die Wangen liefen. Ich erkannte, dass die afrikanische Kultur, was die gerade Haltung betrifft, entgegen der militärisch strammen preußischen Haltung sehr graziös, natürlich und locker ist.
Dieser Mann hatte mir Werte und eine Lebensrichtung vermittelt, die sich tief in mir einprägte und mich offen werden ließ gegenüber fremden Kulturen, anderen Rassen und deren Leben. Noch heute denke ich gerne an seine ausführlichen Beschreibungen dieses fernen Landes, die er immer wieder zum Besten gab. Die Wunder dieses facettenreichen Landes waren bis ins hohe Alter in seinem Herzen verankert.
Wenn ich den heutigen zum Teil leidvollen Zustand dieses schönen Kontinents betrachte, dann kommen mir seine Berichte in den Sinn, die er auch den Einwohnern erzählt hatte. Er sprach von einer neuen Welt, um die Christen im "Vaterunser" weltweit beten, in der es keinen Hass, keine Kriege, keine Krankheiten, keine korrupten Regierungen, keine Mörder, Betrüger und Diebe, keine Vergewaltigungen, keine Kindersoldaten, keine Plünderungen vom letzten wenigen Hab und Gut mehr geben wird. Sogar der Tod wird nicht mehr sein, und es wird Friede herrschen zwischen Mensch und Tier.
Welch eine göttliche Zuversicht in einer so chaotischen Welt!




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Eingereicht am 23. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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