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Was geschah damals in Afrika?

©  Kerstin Schwarz


Ich war noch nie in Afrika. Wenn ich an Afrika denke, denke ich an Großkatzen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Zebras, Antilopen, Büffel, Giraffen, Strauße und viele andere Tiere, die mir hier in Deutschland nie über den Weg laufen könnten. Afrika heißt für mich endlose Savannen und Regenwälder, Menschen, deren Hautfarbe schwarz ist. Es ist immer heiß und manchmal beneide ich die Afrikaner um ihre warmen Temperaturen, wenn ich im Winter durch die kalten und nassen Straßen meiner Stadt schlürfe und mein Regenschirm wieder mal "Vom Winde verweht" spielt. Die meisten afrikanischen Menschen haben religiösen Anschauungen, die ich nie verstehen werde und die doch eine Faszination in mir auslösen. Ich kenne viele Spielfilme, die über Afrika erzählen und ich kenne die Bilder aus dem Fernsehen von Hunger und Elend der afrikanischen Menschen. Ich schaue fast täglich die Unruhen in diesem Land von meinem Sofa aus an und schalte um, ohne nachzudenken, da es mich einfach langweilt.
Wenn ich aber heute so über Afrika nachdenke, fällt mir wieder ein, dass auch mein Vater in Afrika war. Er hat nie über diese Zeit gesprochen. Ich frage mich, warum? Was war in Afrika - damals im 2. Weltkrieg? Was ist dort passiert? Heute kann ich ihn nicht mehr fragen. Er nahm seine Erinnerungen an Afrika mit ins Grab. Aus Geschichtsbüchern kann ich heute lapidar erfahren, dass zur Unterstützung der in Afrika kämpfenden italienischen Divisionen, die durch einen britischen Großangriff im Jahre 1940 in schwere Bedrängnis geraten waren, Hitler 1941 anordnete, dass ein deutsches Afrikakorps aufgestellt werden sollte, welches dann auch in Tripolis ein paar Monate später an Land ging und zum Angriff antrat. Ganz im Gegensatz zu den militärischen Notwendigkeiten stand der Befehl Hitlers an Rommel, "keinen Schritt zu weichen" und seiner Truppe "keinen anderen Weg zu zeigen als den zum Siege oder Tode". 1943 wurden sie besiegt.
Ich weiß heute, dass es unzählige Tote und Gefangene gab und unendliches menschliches Leid. War mein Vater im Afrikakorps - ein junger, fescher Mann, Anfang zwanzig? Wenn, ging er freiwillig oder wurde er gezwungen? Ließ er sich durch die verlogenen Durchhalteparolen, die nicht mehr als eine verbale Realitätsflucht waren, beeinflussen? So, wie auch viele andere in dieser Zeit? Was ging in ihm damals vor? Was hatte er damals getan und was nicht?
Ich halte in meinen Händen ein Foto, das ihn in einer Uniform zeigt. Stolz und schick sieht mein Vater darauf aus. Aber es steht kein Datum auf dem Bild… Ich kannte ihn als einen Mann, der gegen Ungerechtigkeit kämpfte, der anderen half und immer gegen Krieg war. Er war für mich ein Held, der immer wusste, was richtig war.
Mein Sohn wird in diesem Jahr zwanzig. Auch er ist ein schmucker Kerl und er kommt ganz nach seinem Großvater. Darauf bin ich stolz und ich wünsche mir oft, mein Vater hätte ihn kennen gelernt. "Er ist ganz wie du!" würde ich ihm sagen, aber mein Sohn als Soldat im Krieg? Das kann und will ich mir einfach nicht vorstellen. Diese Erfahrung bleibt meinem Sohn hoffentlich erspart. Mein Sohn geht zur Schule und schläft, wie viele Jungs in seinem Alter bis in die Puppen und tanzt sich abends in Discos ab. Er hat eine heile Welt und niemand zwingt ihn zum Kämpfen und Töten. Gott sei Dank!
Doch mein Vater war Soldat. Was ging in ihm vor, als er nach Afrika kam? Sah er die Schönheiten des Landes oder machte ihn der Kampf um das tägliche Überleben dafür blind? Nie hat er ein Wort über diese Zeit verloren. Nie sprach er über Elefanten, Giraffen und er hat nie von den Savannen und Regenwäldern erzählt. Nur ein paar Sätze hatte er einmal leise weinend gesagt: "Ich wurde in Afrika verwundet und nach der Zeit im Lazarett zog ich nie wieder in den Krieg. Ich desertierte." Welche grauenhaften Dinge müssen dort passiert sein? Afrika - für ihn ein Land der Schmerzen und grauenvoller Erinnerungen.
Wenn ich heute Afrikaner in unserer Stadt sehe, denke ich mir nichts dabei. Ich sehe Menschen mit einer anderen Hautfarbe, was mich nicht stört. Doch immer noch gibt es Menschen, die denken, ihre weiße Hautfarbe gäbe ihnen das Recht, was Besseres zu sein. Dazu hat mein Vater mich nie erzogen. Dafür bin ich ihm heute dankbar. Mit vielen Afrikanern, die hier in Deutschland leben, habe ich schon über dies und das gesprochen und stellte keinerlei Unterschiede zu meinen und ihren Problemen fest. Da gibt es Geldprobleme, Beziehungsprobleme, Fragen zur Kindererziehung, Probleme bei der Arbeit und unter Freunden. Doch heute frage ich mich, ob mein Vater gegen ihre Väter kämpfte und meine Vorstellungskraft versagt… Viele ältere Leute schweigen, wenn ich sie direkt nach ihren Erlebnissen im zweiten Weltkrieg frage und brummeln nur in ihren Bart: "Die Zeit ist vorbei! Lass mich damit in Ruhe!" Keiner kann mir Antworten geben. Was geschah damals in Afrika?
Tja, und im Fernsehen zeigen sie wieder Bilder über Afrika und wieder zeigen sie Berichte über Bürgerkriege, Hungersnöte, Katastrophen, Terror und Aids. Diesmal lasse ich die Fernbedienung liegen … und wünsche mir endlich Frieden für Afrika.




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Eingereicht am 23. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
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