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Traumhaft

©  Britta Dubber


"Afrika? Was um alles in der Welt willst du da denn?"
Entgeistert starrte ich meinen Mann an, der mit einer Hand sein Croissant hielt, während er mit der anderen die Zeitung umblätterte, die er über den halben Frühstückstisch ausgebreitet hatte.
"Schafe und Rinder züchten, vielleicht auch Kaffee anbauen."
Das sagte er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass ich dreimal mit den Augen blinzelte, um mich zu vergewissern, dass ich wirklich wach war.
"Das kommt etwas überraschend. Mit anderen Worten...", jetzt erhob ich meine Stimme, "...hast du völlig den Verstand verloren?!"
Mein Mann legte die Zeitung zusammen, nahm einen Schluck Kaffee und blickte mich dann mit einem Stirnrunzeln an.
"Findest du die Idee etwa nicht gut?"
"Nein! Natürlich nicht. Ich bin dreißig Jahre alt und möchte nicht in der Pampa versauern mit einem Haufen Schafe und Rinder und irgendwelche Eingeborene als Nachbarn haben, die sich in geraumer Vorzeit gegenseitig aufgegessen haben."
"Nicht alle Völker waren dem Kannibalismus verfallen", erklärte er mir.
"Seit wann bist du denn der große Afrika-Experte?"
"Ich habe mir ein paar Bücher aus der Bücherei ausgeliehen. In einem Buch ging es um ein Ehepaar, welches aus Köln wegzog und sich eine neue Existenz in Südafrika aufgebaut hat. Durchaus interessant."
"Ist es dort für Touristen nicht gefährlich?"
"Schatz, wir wären dann ja keine Touristen mehr. Wir wären welche von ihnen."
"Du hast ja komplett den Verstand verloren. Also wenn du nach Südafrika willst, dann musst du da alleine hin." Mit diesen Worten stand ich auf, donnerte mein dreckiges Geschirr in die Spüle und ging ins Bad.
Mein Mann war ja schon auf so manche schwachsinnige Idee gekommen, aber seine Auswanderungspläne schlugen dem Fass den Boden aus.
Als wenn es so einfach wäre sich in einem anderen Land, gar in auf einem ganz fremden Kontinent, eine Existenz aufzubauen. Über so viel Naivität konnte ich nur den Kopf schütteln.
Und wieso musste es auch noch ausgerechnet Südafrika sein?
Um an diesem chaotischen Sonntagmorgen doch noch etwas Entspannung zu bekommen, ließ ich Badewasser einlaufen und legte mich zehn Minuten später in die warme Wanne.
Als das warme Wasser meinen angespannten Körper umhüllte und ich mich fühlte, als ob ich einer flauschigen Decke eingehüllt wäre, schloss ich meine Augen.
Augenblicklich tauchten vor meinem inneren Auge Bilder auf. Ich sah einen weißen Strand, der fast menschenleer war. Als ich meinen Blick über das Meer gleiten ließ, sah ich wie die letzten Strahlen der Abendsonne in den Ozean eintauchten. Einen kurzen Augenblick später war der Horizont purpur und violett verfärbt. Ich trat einen Schritt nach vorne, so dass meine Füße leicht das Wasser berührten, während meine Augen immer noch gebannt auf den Himmel gerichtet waren, der von Minute zu Minute in eine neue Farbe getaucht wurde. Meine Füße versanken im schlammigen Untergrund, der immer wieder von den Wellen aufgespült wurde, aber es war ein sehr angenehmes Gefühl.
Plötzlich tippte mir jemand von hinten an die Schulter. Ruckartig drehte ich mich um und ich sah in türkisfarbende Augen, in denen die letzten Sonnenstrahlen zu tanzen schienen.
Vor mir stand ein attraktiver, blonder Mann mit einem Surfbrett unter dem linken Arm.
"Hi, Sie wollen surfen lernen?", fragte er.
Woher wusste er, dass das schon immer mein größter Traum gewesen war?
Ich nickte und er lächelte mich an, wobei er eine Reihe makelloser, schneeweißer Zähne entblößte.
"Sind sie das erste Mal in Südafrika?"
Ich nickte wieder, unfähig ein Wort zu sprechen. Wie konnte das möglich sein? Vor mir stand der Mann meiner Träume. Der Traummann aus meinen Teenagertagen.
"Setzen Sie sich, die Sonnenuntergänge sind hier wunderschön."
Er legte das Surfbrett ab und ließ sich in den Sand fallen.
"Wir können morgen früh gleich mit der ersten Surfstunde anfangen, wenn Sie wollen", sagte er, den Blick aufs Meer gerichtet.
Ich setzte mich neben ihn. Nicht zu dicht, aber dicht genug um sein herbes Aftershave riechen zu können.
"Das wäre toll", sagte ich leise und erkannte meine eigene Stimme kaum.
"Ich bin übrigens Dennis", sagte er.
"Freut mich. Ich bin Kara", erwiderte ich.
Und dann schwiegen wir beide, blickten in den Sonnenuntergang und ab und zu sahen wir uns direkt in die Augen und lächelten uns schüchtern an.
Dann wurde es auf einmal ganz dunkel. Ich blinzelte ein paar mal und als ich die Augen wieder öffnete, sah ich auf die weißen Fliesen in unserem Badezimmer.
Mittlerweile war das Wasser kalt geworden und ich fröstelte etwas. Ich stieg aus der Wanne, schlüpfte in meinen Bademantel und ging ins Schlafzimmer.
Ich setzte mich auf den Bettrand, nahm den Telefonhörer ab und wählte die Nummer der Auskunft. Während mir mein Herz bis zum Hals schlug, ließ ich mich mit dem örtlichen Reisebüro verbinden.
"Guten Tag. Ich möchte einen Flug buchen, nach Südafrika."
Ich kräuselte die Telefonschnur mit meinen Händen, entknotete sie wieder, wobei mir fast der Apparat runter fiel.
"Ja, das ist in Ordnung....ja...okay....nein, ich fliege alleine..."




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Eingereicht am 23. Mai 2004.
Herzlichen Dank an den Autor / die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors / der Autorin.
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